Tritt ein in den Dom 21. September 2007
Posted by Vorlaut-Boy in Schule.trackback
Heute war Wandertag. Eine hübsche Gelegenheit, mit Bus und Bahn zum Grillen zu fahren.
Das Wetter hat uns allerdings übel mitgespielt. Also schlurften wir durch den triefnassen Wald zum Museum Ritter in Waldenbuch. Dieses ist ein Museum und Zweigstelle des Betriebs Ritter-Sport. Das Praktische: Gebrochene oder fehlgeprägte Schokoladentafeln werden zu Schleuderpreisen im Schoko-Shop angeboten.
Der Betrieb wirbt mit dem Slogan „Quadratisch, praktisch, gut“. In diesem Rahmen bewegt sich auch das angrenzende Museum: Zu Hunderten hängen Hunderte Kopien des gleichen quadratischen Bildes die Wände entlang. Außerhalb des Museums erhebt sich eine schwarze, düstere Kuppel.
Was wird drinnen gezeigt? Die Wände sind, ohne einen Zentimeter Platz zu vergeuden, wieder mit demselben Bild behangen. Dazu tönte aus einer wohl versteckten Musicbox eine allzu ehrfurchtheischende Komposition. Das Bild zeigt übrigens die Mona Lisa auf zwei Farben beschränkt in Pixelgrafik. Der Rest des Museums beschäftigt sich ebenfalls mit allerlei Quadraten. Sie sind entweder an die Wand genagelt oder an die Decke gebäbbt. Setzt man eine allzu futuristische Apparatur in Betrieb, sieht man – oh Graus – blinkende und hüpfende Quadrate in tausendfacher Ausführung.
Die Museumsführerin war indes völlig aus dem Häuschen und konnte sich vor lauter Ehrfurcht und Verzückung über soviel rechte Winkel und Symmetrie kaum beherrschen. In einem fort war sie damit beschäftigt, um uns herumzuhüpfen und zu frohlocken: Das ist Kunst, das ist Kunst!
Beim Austritt sah ich die Horror-Terror-Atom-Mega-Ultra-Bäh-Fotowand des Grauens. Es handelte sich um eine quadratische Fotowand mit hundert einzelnen quadratischen Bildchen. Diese zeigen allesamt Pixel-Mona-Lisas an allen möglichen Orten in Russland und sogar im Weltraum.
Irgendwann später schnappten wir unsere mit 1,7 Kilo Schokolade vollgestopften Taschen und traten frohen Herzens den Rückweg durch die geometrisch inkorrekte und unquadratische, dafür aber um so nassere Natur an.
Am Abend habe ich mir die Sterne angesehen. Besonders einer ist mir aufgefallen: ein kleiner quadratischer pixeliger. Und er hatte sogar zwei Farben. Ich winkte ihm noch schnell zu, bevor er seinen Orbit fortsetzte.
„Tritt ein in den Dom“ ist ein alter Kult-Hit der DDR-Band Electra. Er geht so: „Tritt ein in den Dom / durch das herrliche Portal. / Tritt ein in den Dom / alle verrückten Tage einmal.“ Dieses Stück Hochpoesie als Vergleich für den profanen Konsumtempel der Firma Ritter Sport heranzuziehen, ist schon fast Blasphemie. Aus unerfindlichen Gründen finde ich die Anspielung trotzdem gut.
Deine Überschriften rocken, Vorlaut-Boy!