Freestyle-Artikel: Gothic und Elektro 29. September 2007
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Immer Donnerstags ham wa Mittagsschule – vier Stunden Mittagspause und dann noch mal vier Stunden Unterricht. Das geht dann so bis halb sieben. Aus unergründlichen Gründen ist mir diese Mordsgaudi gestern ganz gewaltig aufn Sack gegangen. Da saß ich erst grummelnd, später dann mit verzweifelt blutunterlaufenen Augen da. Es überkam mich der Geist irgendeiner okkulten Pfadfinderreligion und schaltete ohne Vorwarnung mein Gehirn ein.
Gezwungen zu denken dachte ich: ‚So: eine der Folgen der Spätpubertät. Oder ist das schon die Midlife-Crisis? Hi ho, Depriphase! Jetzt setz’ ich mir noch schnell meine schwarze Templerkastenkapuze auf und male mir die schönsten Selbstmordphantasien aus. Plan A: Morgen komm ich achtungheischend und bedeutungsschwanger den Schulhof entlanggestiefelt. Dann werden sie alle sagen: »Seht den Mann mit den Selbstmordgedanken, wie er gemäßigten Schrittes Kurs auf den Starkstromzaun nimmt.« Dann werde ich mich noch einmal umdrehen und den Kopf schütteln. Dann drehe ich mich wieder zurück und greife nach dem Zaune. Plötzlich löst sich eine Gestalt aus der Menge der Schaulustigen. Ist es Domi? Es ist Domi! Er ruft mir zu: »Hör auf, du begehst eine Kurzschlusshandlung.« Domi ist ein verdammter Sarkastiker. Dann kommt Herr Deutschlehrer und zieht mich vom Zaun weg, das sei doch gar nicht mit dem Betriebsrat abgeklärt. Na toll, jetzt hat er die ganze Dramatik zunichte gemacht. Schluss mit Selbstmord. Sterben schon genug andere.’
Dann dachte ich mir trotzdem noch mehr Selbstmordphantasien aus. Man kann zum Beispiel in eine Teergrube latschen oder der Wrestlingweltmeisterin sagen, dass sie hässlich ist. Spart Kosten und ist beides sozialverträglich.
Dann hat’s geklingelt und die Schule war aus. Scheiße …
Tritt ein in den Dom 21. September 2007
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Heute war Wandertag. Eine hübsche Gelegenheit, mit Bus und Bahn zum Grillen zu fahren.
Das Wetter hat uns allerdings übel mitgespielt. Also schlurften wir durch den triefnassen Wald zum Museum Ritter in Waldenbuch. Dieses ist ein Museum und Zweigstelle des Betriebs Ritter-Sport. Das Praktische: Gebrochene oder fehlgeprägte Schokoladentafeln werden zu Schleuderpreisen im Schoko-Shop angeboten.
Der Betrieb wirbt mit dem Slogan „Quadratisch, praktisch, gut“. In diesem Rahmen bewegt sich auch das angrenzende Museum: Zu Hunderten hängen Hunderte Kopien des gleichen quadratischen Bildes die Wände entlang. Außerhalb des Museums erhebt sich eine schwarze, düstere Kuppel.
Was wird drinnen gezeigt? Die Wände sind, ohne einen Zentimeter Platz zu vergeuden, wieder mit demselben Bild behangen. Dazu tönte aus einer wohl versteckten Musicbox eine allzu ehrfurchtheischende Komposition. Das Bild zeigt übrigens die Mona Lisa auf zwei Farben beschränkt in Pixelgrafik. Der Rest des Museums beschäftigt sich ebenfalls mit allerlei Quadraten. Sie sind entweder an die Wand genagelt oder an die Decke gebäbbt. Setzt man eine allzu futuristische Apparatur in Betrieb, sieht man – oh Graus – blinkende und hüpfende Quadrate in tausendfacher Ausführung.
Die Museumsführerin war indes völlig aus dem Häuschen und konnte sich vor lauter Ehrfurcht und Verzückung über soviel rechte Winkel und Symmetrie kaum beherrschen. In einem fort war sie damit beschäftigt, um uns herumzuhüpfen und zu frohlocken: Das ist Kunst, das ist Kunst!
Beim Austritt sah ich die Horror-Terror-Atom-Mega-Ultra-Bäh-Fotowand des Grauens. Es handelte sich um eine quadratische Fotowand mit hundert einzelnen quadratischen Bildchen. Diese zeigen allesamt Pixel-Mona-Lisas an allen möglichen Orten in Russland und sogar im Weltraum.
Irgendwann später schnappten wir unsere mit 1,7 Kilo Schokolade vollgestopften Taschen und traten frohen Herzens den Rückweg durch die geometrisch inkorrekte und unquadratische, dafür aber um so nassere Natur an.
Am Abend habe ich mir die Sterne angesehen. Besonders einer ist mir aufgefallen: ein kleiner quadratischer pixeliger. Und er hatte sogar zwei Farben. Ich winkte ihm noch schnell zu, bevor er seinen Orbit fortsetzte.